Fünf-Punkte-Plan zur Reintegration von Kindern in die Gesellschaft

Fünf-Punkte-Plan zur Reintegration von Kindern in die Gesellschaft

1. Rehabilitation der Kinder


Kinder müssen ein gleichwertiger und gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft sein. Ihre Bedürfnisse sind genauso wichtig wie die aller anderen Menschen. Die Aussage, Kinder seien Superspreader für diese Pandemie, muss öffentlich durch das RKI, das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesministerium für Familien, Senior(:inn)en, Frauen und Jugend revidiert werden.

2. Kindergipfel zum Beschluss bundeseinheitlicher
Richtlinien zur Öffnung der Bildungseinrichtungen

Ein Kindergipfel mit Verantwortlichen aus den Bereichen Bildung und Gesundheit aus Bund und Ländern muss in einem Expert:innenrat bundeseinheitlich sinnvolle Richtlinien und Maßnahmen zur Öffnung von Bildungseinrichtungen und deren Ausgestaltung erarbeiten. Die Finanzierung für notwendige Maßnahmen wie z.B. zusätzliches Betreuungspersonal sowie die temporäre Erweiterung der Räumlichkeiten muss sichergestellt werden. Das Recht der Kinder auf Bildung und Sozialkontakte darf nicht vom Wohnort oder dem Beruf der Eltern
abhängen.

3. Angepasster Regelbetrieb für alle Kinder

Allen Kindern in Deutschland muss zeitnah ein regelmäßiger Zugang zu frühkindlicher Bildung ermöglicht werden.

4. Gezielte Aufklärung zu Covid-19 bei Kindern

Eltern und pädagogisches Fachpersonal müssen über die realistischen Gefahren für Kinder durch Sars-CoV-2 und das etwaige Risiko, das durch den Besuch von Kita und Schulen entsteht, objektiv aufgeklärt werden.


5. Begleitendes Monitoring der Öffnung

Die Öffnung von Bildungseinrichtungen muss genutzt werden, um systematisch und flächendeckend valide Daten zum Infektionsgeschehen in diesen Einrichtungen und zu der Rolle von Kindern zu erfassen


Erläuterungen zum Fünf-Punkte-Plan

Seit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland wurden Kinder als treibende Gruppe im Pandemiegeschehen angesehen. Diese Annahme beruhte auf vorherigen Beobachtungen bei Influenza-Epidemien. Folglich wurden Schulen und Kindergärten noch vor der bundesweiten Einführung der Kontaktsperre geschlossen. Eine Notbetreuung für Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, wurde eingerichtet. Dabei wurden jedoch nur die wirtschaftlichen Belange der Gesellschaft berücksichtigt. Die Bedürfnisse der Kinder wurden vollkommen außer Acht gelassen. Auch die Ausweitung der Notbetreuung nach Ostern erfolgte – außer bei absoluten Notsituationen wie akuter Kindeswohlgefährdung, abhängig vom Beruf der Eltern – wieder ohne Blick auf die Rechte und Interessen der Kinder. 

Während Lockerungen, die seit dem 20. April fortlaufend umgesetzt werden, weite Teile der Bevölkerung entlasten, bleiben Kinder weitestgehend isoliert. Im Rahmen der Diskussion um die Wiedereröffnung von Schulen und Kitas werden Kinder zum Teil als außerordentliche Gefahrenquelle für den Verlauf der Pandemie in Deutschland  dargestellt. In der Folge häufen sich diskriminierende Verhaltensweisen. So werden Kinder z. B. aus Geschäften ausgeschlossen (verschiedene Baumärkte, Poststellen und Friseursalons verbieten Kindern den Zutritt). Unzulässige Schlussfolgerungen verschiedener Studien und eine tendenziöse Berichterstattung in den Medien tragen zu dieser verzerrten Wahrnehmung der Rolle von Kindern in der Verbreitung von Sars-CoV-2 bei.

Konkrete und gut durchdachte Pläne für eine Öffnung von Grundschulen und Kindergärten fehlen weiterhin. Die geplanten Schritte vieler Bundesländer, die nach dem 6. Mai verkündet wurden, sehen einen regelmäßigen Kitabesuch aller Kinder bis in den Herbst hinein nicht vor. Präsenzunterricht in Grundschulen ist bis zu den Sommerferien überwiegend nur in geringem Umfang geplant. Dabei ist klar: Die Sars-CoV-2-Pandemie wird nach der Sommerpause nicht vorbei sein. Anstatt konkrete und langfristige Strategien für eine Öffnung im Sinne der Kinder und im Sinne des Infektionsschutzes zu erarbeiten, wird auf fehlende Daten zur Rolle der Kinder im Infektionsgeschehen verwiesen. Gleichzeitig hat Deutschland es seit Beginn der Pandemie versäumt, solche Daten systematisch zu erfassen und zu bewerten. Groß angelegte prospektive Studien wurden erst sechs Wochen nach der Kita-Schließung in Auftrag gegeben. Eine bundesweite Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums befindet sich auch Mitte Mai noch im Vorbereitungsstadium.

Kinder sind – wie jeder Mensch in Deutschland – Grundrechtsträger:innen. Ihr Grundrecht auf Bildung (Artikel 26 GG) und der Rechtsanspruch auf Förderung in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege (§24 SGB VIII) werden momentan unverhältnismäßig stark eingeschränkt. 

Die Initiative Kinder brauchen Kinder legt daher folgenden 5-Punkte-Plan zur Verbesserung der Situation vor:

  1. Rehabilitation der Kinder

Kinder müssen ein gleichwertiger und gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft sein. Ihre Bedürfnisse sind genauso wichtig wie die aller anderen Menschen. Die Aussage, Kinder seien Superspreader für diese Pandemie, muss öffentlich durch das RKI, das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesministerium für Familien, Senior(:inn)en, Frauen und Jugend revidiert werden.

Begründung:

In Deutschland hat sich seit Beginn der Pandemie ein öffentliches Bild von Kindern als “Virenschleudern”, “Superspreader”, “Treibende der Pandemie” und “Multiplikatoren im COVID-19-Pandemiegeschehen” etabliert, das im Rahmen der Diskussion um die Schul- und Kitaöffnung weiter verfestigt wurde. Dieses Bild beruht auf Erfahrungen mit anderen Viren, vor allem Influenzaviren. Das Wissen über das Sars-Corona-Virus-2 (Sars-CoV-2) ist durch seine Neuartigkeit begrenzt. Das trifft auch auf die Rolle von Kindern im Infektionsgeschehen zu. Auf Basis der bisher verfügbaren Daten gehen aber verschiedene, renommierte Wissenschaftler:innen weltweit davon aus, dass Kinder in der Covid-19-Pandemie eine untergeordnete Rolle spielen: Sie stecken sich seltener an, haben überwiegend sehr milde Verläufe und infizieren andere Menschen selten.,,,

Unabhängig davon, ob und in welchem Umfang Kinder zum Infektionsgeschehen beitragen, muss klar sein: Kinder sind ein gleichwertiger und gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft. Ihre Bedürfnisse sind wichtig. Sie sind keine Objekte, über die willkürlich entschieden werden kann.

Besonders in Anbetracht der Tatsache, dass Kinder von der Infektion mit Sars-CoV-2 viel geringfügiger betroffen sind als Erwachsene, erscheinen die Einschränkungen, die sie aktuell erfahren, unverhältnismäßig. Diese dürfen nicht länger aufrechterhalten werden.

Durch die anhaltende falsche Berichterstattung zur Rolle der Kinder entwickeln sich zunehmend Vorbehalte gegenüber Kindern, die zu einem weiteren Ausschluss aus der Gesellschaft führen.

  1. Kindergipfel zum Beschluss bundeseinheitlicher Richtlinien zur Öffnung und Ausgestaltung der Bildungseinrichtungen

Ein Kindergipfel mit Verantwortlichen aus den Bereichen Bildung und Gesundheit aus Bund und Ländern muss in einem Expert:innenrat bundeseinheitlich sinnvolle Richtlinien und Maßnahmen zur Öffnung von Bildungseinrichtungen und deren Ausgestaltung erarbeiten. Die Finanzierung für notwendige Maßnahmen wie z.B. zusätzliches Betreuungspersonal sowie die temporäre Erweiterung der Räumlichkeiten muss sichergestellt werden. Das Recht der Kinder auf Bildung und Sozialkontakte darf nicht vom Wohnort oder dem Beruf der Eltern abhängen.

Begründung:

Kinder sind systemrelevant. Sie verdienen politische Anerkennung und Zuwendung durch den Zusammenschluss verschiedener Fachdisziplinen. Daher sollte sich der Expert:innenrat aus Vertreter:innen folgender Disziplinen zusammensetzen: Bildungsforschung und Entwicklungspsychologie, Kinder- und Jugendpsychotherapie, Pädagogik, Elternvertretung, Migrant:innenverbänden und Verbände für Menschen mit Behinderung, Pädiatrie. Zusätzlich sollten die Kultusminister:innen sowie die Ministerpräsident:innen der Länder, sowie Angehörige des Bundesministeriums für Gesundheit und des Bundesministeriums für Familien, Senior(:inn)en, Frauen und Jugend an dem Kindergipfel teilnehmen. 

Damit die Öffnung von Bildungseinrichtungen überall in Deutschland nach einem einheitlichen Kriterienkatalog erfolgt, bedarf es einer Absprache der Länder. Es ist den Familien nicht zumutbar, wenn in einem Bundesland wieder Präsenzunterricht stattfindet, während in einem anderen Bundesland weiterhin über Monate hinweg die Einrichtungen geschlossen bleiben. Um eine sinnvolle Hygieneplanung mit Augenmaß sicherzustellen, benötigt es hier ebenfalls praxisnahe Konzepte, am besten anhand konkreter Beispiele ausgearbeitet. Schulen und Kitas dürfen mit dieser Aufgabe nicht allein gelassen werden.

  1. Angepasster Regelbetrieb für alle Kinder

Allen Kindern in Deutschland muss zeitnah ein regelmäßiger Zugang zu frühkindlicher Bildung ermöglicht werden.

Begründung:

Bildung ist ein Menschenrecht. Bereits in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948), Artikel 26 wurde festgehalten: „Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung.“ Bildung ist ein Kinderrecht und ist in Artikel 28 der Kinderrechtskonvention verankert, die die Bundesrepublik Deutschland 1992 ratifiziert hat. Mit der Zeichnung der Kinderrechtskonvention hat sich Deutschland außerdem zum Schutz von Kindern vor Gewaltanwendung, Misshandlung und Verwahrlosung (Art. 19) verpflichtet. 60% der Meldungen ans Jugendamt über Gewalt in den Familien kommen aus Schulen, Kindergärten und den kinderärztlichen Praxen. Zu diesen haben die meisten Kinder derzeit keinen Kontakt.

Im Sinne der Chancengleichheit muss allen Kindern der Zugang zu den Bildungseinrichtungen gewährt werden. Auch Kindergärten und ähnliche Betreuungseinrichtungen sind Bildungseinrichtungen. Für den Spracherwerb für Nicht-Muttersprachler:innen sind sie immens wichtig. Kinder aus Haushalten, in denen nicht primär deutsch gesprochen wird, und Kinder aus bildungsfernen Familien laufen Gefahr abgehängt zu werden, wenn sie weiterhin Bildungseinrichtungen nicht besuchen dürfen.

Strukturelle Probleme, die einem im Sinne des Infektionsschutzes angepassten Regelbetrieb im Weg stehen, müssen durch flexible und kreative Lösungen überwunden werden. Das schließt die Bereitstellung zusätzlicher finanzieller Mittel und alternative Ideen zur Rekrutierung von Erzieher:innen und Lehrkräften sowie Räumlichkeiten ein. Nur weil die praktische Umsetzung komplex sein kann, dürfen Kindern nicht ihre Rechte verwehrt werden.

  1. Gezielte Aufklärung zu Covid-19 bei Kindern

Eltern und pädagogisches Fachpersonal müssen über die realistischen Gefahren für Kinder durch Sars-CoV-2 und das etwaige Risiko, das durch den Besuch von Kita und Schulen entsteht, objektiv aufgeklärt werden.

Begründung:

Das unter Punkt 1 erläuterte ungerechtfertigte Bild von Kindern als Treibende der Pandemie führt zu Ängsten in Bezug auf die Schul- und Kitaöffnung. Die Bevölkerung hat Angst, dass aus der Öffnung eine unkontrollierbare “2. Welle” resultiert. Eltern haben Angst, dass Kinder durch den Besuch von Schule und Kita großen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt sind. Lehrkräfte und Erzieher:innen fühlen sich im Vergleich zu anderen Berufsgruppen unzureichend geschützt und haben Angst um ihre eigene Gesundheit, da Abstandsregeln nur bedingt einzuhalten sind. Diese Ängste führen zu unverhältnismäßigen Hygieneregeln und -vorschriften, die die Unsicherheit bei allen Beteiligten verstärkt. Besonders auf jüngere Kinder kann sich eine verminderte nonverbale Kommunikation durch Maskenpflicht und reduzierter Körperkontakt negativ auswirken.

Eltern und pädagogisches Fachpersonal müssen daher objektiv darüber aufgeklärt werden, welche Risiken durch eine Öffnung entstehen. Die gesundheitlichen Gefahren für Kinder sind gering – in den allermeisten Fällen verläuft die Infektion bei ihnen sehr mild. Zudem sind Ansteckungen durch Kinder unter 10 Jahren sehr selten und konnten bislang kaum zweifelsfrei belegt werden. Deswegen sind Abstandsregeln bei Kindern unter 10 Jahren nicht nur unnötig, sondern beeinträchtigen auch die Entwicklung der Kinder und die Beziehung zu ihren Betreuungspersonen. Zu diesem Schluss kommen auch andere europäische Länder, wie beispielsweise die Niederlande.

In der öffentlichen Diskussion wird die Unfähigkeit von Kindern – besonders von jungen Kindern – Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten, als ein Hauptgrund gegen eine reguläre Öffnung von Betreuungseinrichtungen angebracht. Dabei könnten mögliche Infektionen besonders in solchen Einrichtungen gut kontrolliert werden. Mit entsprechend angepassten Abläufen, wie z.B. kleinen, strikt getrennten Gruppen mit festen Betreuungspersonen, können Kontakte reduziert und im Fall einer bestätigten Sars-CoV-2-Infektion eindeutig nachvollzogen werden. Dadurch können Infektionsketten schnell unterbrochen werden – viel besser als z. B. in Indoor-Spielplätzen, Freizeitparks oder Schwimmbädern. So kann ein potentielles Infektionsgeschehen auch in Betreuungseinrichtungen für Kinder schnell eingedämmt werden. 

  1. Begleitendes Monitoring der Öffnung

Die Öffnung von Bildungseinrichtungen muss genutzt werden, um systematisch und flächendeckend valide Daten zum Infektionsgeschehen in diesen Einrichtungen und zu der Rolle von Kindern zu erfassen.

Begründung:

Weltweit spiegelt sich in den Infektionszahlen wieder, dass Kinder unterproportional häufig zu ihrem Anteil in der Bevölkerung von Sars-CoV-2 betroffen sind. Festlichkeiten, Pflegeheime, Krankenhäuser und Schlachthöfe, in denen sich Erwachsene gegenseitig anstecken, haben sich dagegen als Hot Spots für Sars-CoV-2-Ausbrüche herausgestellt. 

Seit Beginn der Schul- und Kitaschließung steht die Frage im Raum, welche Rolle Kinder und ihre Bildungs -und Betreuungseinrichtungen im Infektionsgeschehen spielen. Dennoch wurden in Deutschland bisher kaum Anstrengungen unternommen, entsprechende Daten systematisch zu erfassen. 

Studien wie ‘Covid-19 BaWü’ zur Prävalenz von COVID-19 bei Kindern von 1-10 Jahren in Baden-Württemberg sind erste kleine Schritte in diese Richtung. Dennoch fehlt es an Studien, die insbesondere einem potentiellen Infektionsgeschehen in Bildungseinrichtungen nachgehen. Jeder Schritt in der Öffnung von Kitas und Schulen muss genutzt werden, um diese Daten routinemäßig zu erheben und strukturiert auszuwerten. Dabei gilt es vor allem herauszufinden, wie häufig Kinder sich untereinander und andere Erwachsene anstecken. 

Bei potentiell steigenden Infektionszahlen in Deutschland muss klar differenziert werden können, ob und in welchem Umfang Betreuungseinrichtungen für Kinder dabei eine Rolle spielen. Kitas und Schulen dürfen nicht (wieder) blind geschlossen werden nur weil entsprechende Daten fehlen.

Verfasst von den Initiatorinnen der Initiative “Kinder brauchen Kinder”

Ansprechpartnerin: Stephanie Schläfer info@kinderbrauchenkinder-petition.de

Das vollständige Dokument zum Download inklusive Fußnoten und Quellenangaben: